In Punkto Gesundheit gibt es viel zu bedenken: Gesunde Ernährung, ordentlich bewegen, nicht nur zum Supermarkt und zurück, dann muss sinnvoll ergänzt werden und natürlich gilt: die Psyche doktort mit! Stichwort „Psycho-Hygiene“. Ist das schon Trend? Wenn nicht, dauert es nicht mehr lang.

Aber das Schöne und Schreckliche an Gesundheit ist: Es gibt immer noch eine Ecke, um die man schauen kann. Der ein oder anderen Ecke will man vielleicht gar nicht zu nahe kommen. Denn die Straßenbeschilderung weist den Weg dahinter schon als Sackgasse aus.

Heute machen wir es aber trotzdem mal. Wir gucken um diese Ecke und schauen uns an, wie es so läuft …. bei den Hippies! Manchmal stehen Schilder ja falsch.

Ich bin vor einer Weile über eine Arbeit gestolpert, die ich zunächst sehr amüsant, dann aber auch interessant fand. Das Thema lautet „earthing“.

Earthing ist genau das, was ihr euch mit Hippie als Kontext gerade in eurem Kopf zusammenreimt. Es geht darum, sich mit der Natur, also dem blanken Erdboden, zu verbinden. Zurück zu den Wurzeln, also zu einer Zeit, als wir noch jeden Tag mit beiden Barfüßen in der Natur gestanden haben.
Denn seit wir das Haus nicht mehr ohne Schuhe mit dicken Sohlen verlassen, seien wir von Gaia und ihren heilenden Energien abgeschnitten.

Albern, oder? Wir leben ja nicht im Märchenland. Was sollen da schon für heilende Energien kommen?

Was ist, wenn ich dir sage, dass die Erde voller negativ aufgeladener Elektronen ist und genau diese Elektronen in deinen Körper hineinströmen, sobald du mit blanker Haut Kontakt zum Boden herstellst?

Genau das passiert nämlich. (Q)

Plötzlich ist das mit den Energien schon nicht mehr so weit hergeholt. Es fließt sogar tatsächlich eine Energie, nämlich buchstäblich Elektrizität.

Zwar wissen wir immer noch fast nichts über die Rolle von Strom in unserem Körper. Jedoch wissen wir, dass er eine Rolle spielt. In jeder Zelle.

Was sind also die Auswirkungen von earthing auf den Menschen der westlichen Gegenwart? Interessanter Weise gibt es da tatsächlich einige Studien, die das untersucht haben. Und dafür mussten sie die Probanden auch gar nicht zum schlafen irgendwo in den Wald legen. Findige Leute haben nämlich ein Hilfsmittel entwickelt, mit dem man sich den erdenden Effekt für das eigene Schlafzimmer nutzbar machen kann – wenn man nicht gerade in der Innenstadt wohnt: es wird einfach eine Matte mit leitfähigen Fasern genommen, an dem ein langes Kabel befestigt ist, das man aus dem Fenster hinaus führen und in die Erde stecken kann. So fließen die Elektronen der Erde tatsächlich non-stop bis in die Matte und werden vom Körper absorbiert, wenn man zum beispiel mit nacktem Oberkörper darauf liegt oder wenn die Matte auf den Schreibtisch legt und die blanken Unterarme darauf ablegt.

Die Effekte?

Unter anderem taugen Elektronen dazu, freie Radikale in deinem Körper unschädlich zu machen. (Q)

Eine mehr-monatige, placebo-kontrollierte Studie untersuchte den Einfluss einer geerdeten Matte im Vergleich zu einer nur scheinbar geerdeten Matte (das Kabel war nicht leitfähig) auf das Schlafverhalten, auf Rückenschmerzen sowie auf das allgemeine Wohlbefinden. (Q)

Die allermeisten Probanden der Versuchsgruppe vermeldeten eine Verbesserungen all dieser Punkte. Die allermeisten Probanden aus der Kontrollgruppe vermeldeten wiederum keine Verbesserung.
Besonders beachtlich waren die Auswirkungen auf den Schlaf, wo gar 100% der versuchsgruppe angaben, dass sie sich morgens ausgeruhter fühlen. 
Allerdings muss ich dazu sagen, dass es sich bei dem Journal, in dem veröffentlicht wurde, nicht um ein reguläres, wissenschaftliches handelt.

Jedoch gibt es noch andere Studien, die sich unter anderem mit dem Einfluss auf Schlaf und Schmerz befassten. Diese hier untersuchte die Wirkung auf Schlaf, Schmerz und Stress. (Q)

Hierfür wurden zum einen die Probanden auf diese Befindlichkeiten hin vorher und nachher interviewt, zum anderen wurden auch Cortisol-Tagesprofile mithilfe des Speichels erstellt. Viele von euch werden bereits wissen, dass Cortisol quasi als DAS Stresshormon schlechthin gilt. Tatsächlich ist ein Indikator für Dauerstress, während Noradrenalin und Adrenalin die akute Stressantwort darstellen. In alternativ-medizinischen Kreisen wird eine Dysregulation von Cortisol als wesentliche Ursache für viele Stress-, Müdigkeits- und Schlafprobleme diskutiert, teils unter dem Stichtwort „adrenal fatigue“ bzw. „Nebennieren-Schwäche“ (wobei ich von diesen Begriffen nicht so viel halte).

Im Ergebnis hält die Studie fest, dass fast alle Probanden berichteten, dass Schlaf-, Schmerz- und Stressprobleme sich reduzierten oder gar ganz verschwanden.
Das Cortisolprofil konnte diese Aussagen untermauern. Denn es zeigte sich, dass sich nach 6 Wochen Benutzung der Matte der Cortisoltagesverlauf normalisierte, insbesondere war das Cortisol nachts reduziert.

Kleine Erklärung: Cortisol ist der Schlingel, der bei gesunden Menschen in den frühen Morgenstunden beginnt anzusteigen und so unseren Schlaf „leichter“ macht, so dass wir viel einfacher aus ihm erwachen können. Letztlich ist es Cortisol, das uns aufweckt. In der Nacht ist der Cortisolspiegel normalerweise niedrig, denn ansonsten können wir eben nicht durchschlafen, wachen mitten in der Nacht auf und können mitunter nicht wieder einschlafen.

Von daher macht die Normalisierung des Cortisol nicht nur die positive Wirkung von earthing auf Stress plausibel, sondern auch auf den Schlaf.

Eine andere Studie hat den unmittelbaren Effekt der Erdung unter anderem auf den Parameter elektrodermale Aktivität hin untersucht. Diese soll Rückschlüsse darüber geben können, ob das sympathische Nervensystem (mehr Stress) aktiviert ist oder ob eher das parasympathische Nervensystem (eher entspannt) zum Zug kommt.

Sofort nach Erdung sank die elektrodermale Aktivität in der Haut, was auf einen positiven Anti-Stress-Effekt hindeuten soll. (Q)

Bei Frühgeburten erhöhte das Earthing die Aktivität des Vagus Nervs um 67%. Der Vagus Nerv ist eine entscheidende Schaltstelle des Nervensystems, sodass die Autorin schlussfolgern, dass Earthing zu früh geborene Babies resilienter gegen Stress machen und der Entwicklung von neonatalen Krankheiten vorbeugen könnte. (Q)

Weiter wurde beobachtet, dass earthing die Blutzirkulation verbessert (Q)

Last but not least gibt es noch eine Studie, die sich ausschließlich für den „mood“, also die Stimmung, interessiert hat und die kommt zu dem Ergebnis, dass earthing die Stimmung statistisch signifikant aufhellt. (Q)

Fazit?

Das Erden scheint also vor allem gut gegen Stress zu sein, weil es positiv auf das Nervensystem wirkt.

Ich hab außerdem noch bei youtube gestöbert und einen Erfahrungsbericht für euch gefunden. Auf diese anecdotal evidence kann man natürlich nur bedingt etwas geben, aber die gute Frau macht ab Minute 07:55 ein sehr interessantes Experiment. Mithilfe eines Voltmeters zeigt sie, dass sich bei Berührung der geerdeten Matte tatsächlich von einer Sekunde auf die andere die Spannung im Körper drastisch ändert.
Das ist für die Leute, die gerne sehen wollen, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob man auf einer Steinplatte oder dem Erdboden – bzw. auf einer solchen Matte – steht.

Übrigens würde ich bei der Sache eines bedenken: Bevor ein Gewitter aufzieht, sollte das Kabel unbedingt reingeholt werden. Sollte der Blitz dort einschlagen, habt ihr sonst einen Blitzableiter, der eventuell einen Teil der Energie in euer Schlafzimmer schleudert und euch grillt.

Was machen wir aus all dem?

Wir haben hier definitiv keine high-quality Studien. Die Teilnehmerzahl ist oft überschaubar und die Journals, in denen veröffentlicht wurde, gehören eher nicht zur creme de la creme. Außerdem wurden die meisten der Studien, von einem Herrn Chevalier vorangetrieben (die doppelt-blinde Studie, in der Cortisol gemessen wurde, und die Frühchen Studie sind erfreulicher Weise von anderen Leuten). 

Aber eine Studie muss nunmal auch nicht 1000 Probanden haben und in Nature erscheinen, um recht zu haben. Dass ein Thema wie dieses es extrem schwer hat, Forschungsgelder zu generieren und es in sehr angesehene Journals zu schaffen, ist klar. Die entsprechenden Leute scheuen alles, was auch nur schwach nach Esoterik riecht, wie der Teufel das Weihwasser. Ist teilweise ja auch verständlich, nur in dem Fall wirklich schade.

Mich fesselt an der Sache folgender Gedanke: Unsere Vorfahren sind mehrere Millionen Jahre lang Barfuß auf der Erde gelaufen. Erst seit ein paar Hundert Jahren haben wir alle non-stop Schuhe an, liegen fast nie in der blanken Natur herum, kommen mit Dreck auf dem Feld etc. nicht mehr in Berührung.

Lebewesen passen sich ihren Umwelteinflüssen an und entwickeln sich oft so, dass sie auf Einflüsse, die immer und jeden Tag präsent sind, regelrecht bauen. Der Organismus richtet sich so ein, dass er sich darauf verlässt, dass diese Einflüsse auch in Zukunft immer auf ihn wirken werden. Alle Prozesse sind darauf hin optimiert, unter diesem Einfluss zu funktionieren. Das ist auch ein Aspekt der Evolution. Und Evolution ist ein Prozess der zehntausende von Jahren dauert, bevor eine Anpassung an neue Umstände erfolgt ist. 

Ein Beispiel dafür ist die Sonne. Wir Menschen könnten nicht einfach so unter Tage ziehen. Selbst wenn wir in unserer Untergrundstadt fernab vom Tageslicht immer lauschige 25° C halten würden, würden wir jämmerlich verrecken, weil unser Körper die Sonnenstrahlen für Vitamin D und ähnliches braucht. Der menschliche Körper verlässt sich seit eh und je darauf, dass diese Strahlen kommen und er daraus Stoffwechselprodukte bauen kann. Wir sind ja kein Tiefseefisch!

Vielleicht baut unser Körper zu einem gewissen Grad auch darauf, dass wir die Erde als riesige Batterie für negativ geladene Elektronen täglich benutzen, um uns „zu entladen“. Einfach weil das immer so war.

Vielleicht enthalten wir ihm hier etwas vor.

Ich würde mir zu dem Thema eine groß angelegte Studie wünschen, damit wir Klarheit haben.